Revisiting the Canons of Textual Scholarship

Zukunftsphilologie fördert grundlegende Textforschung über den klassischen humanistischen Kanon hinaus. In einer Zeit fortgeschrittener Kommunikation, intellektueller Spezialisierung und beispielloser Mobilität von Wissen und Menschen kommt der Disziplin der Philologie neue Bedeutung zu.  

Zukunftsphilologie unterstützt vernachlässigte Zweige philologischer Forschung. Das ausdrückliche Ziel dabei ist die Eingliederung von Texten und wissenschaftlichen Traditionen aus Asien, Afrika, dem Nahen Osten und auch aus Europa, jenseits der Unterscheidung zwischen Vormoderne und Moderne.

Der Titel des Programms ist von der Schrift Zukunftsphilologie! des Altphilologen Ulrich von Wilamo­witz-Moellendorf (1872) inspiriert, bei der es sich um eine Polemik gegen Friedrich Nietz­sches Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik aus demselben Jahr handelt. In einer Zeit, in der die Philologie höchstes kulturelles Prestige genoss, drehte sich die Debatte zwi­schen den beiden Autoren weniger um den Platz der Philologie an der deutschen Universität als vielmehr um »die Methode und Bedeutung klassischer Studien«. Wilamowitz war der Ansicht, dass Wissen um die Vergangenheit nur durch detaillierte Untersuchung des betref­fenden geschichtlichen Kontextes zu erreichen und eine Distanzierung von zeitgenössischen Fragen und Interessen unabdingbar sei. Dagegen wandte Nietzsche ein, die Zugangsweise der professionalisierten Disziplin der Philologie habe das klassische Altertum pervertiert, ja geradezu sein Ableben verursacht. Folgt man dem Vorschlag des Indologen Sheldon Pollock, den Streit aus einer weiteren Perspektive zu betrachten, so handelt es sich um einen »kei­neswegs auf die europäische Moderne begrenzten Kampf zwischen Historizisten und Huma­nisten, zwischen Wissenschaft und Bildung, zwischen Gelehrsamkeit und Leben«.
Zukunftsphilologie trägt– inspiriert von den Essays von Sheldon Pollock (»Future Philology? The Fate of a Soft Science in a Hard World«) und Edward Said (»The Return to Philology«)  – zur Debatte über die Bedeutung von Philologie in heutiger Zeit und zu einer angemessenen Würdigung vormoderner und außereuropäischer textueller Praxis bei. Das Anliegen ist, zu einer tiefer gehenden Einschätzung vormoderner philologischer Verfahren innerhalb und außerhalb Europas beizutragen und die Methoden und Kanons heutiger philologischer Praxis in kritischer Weise wiederaufzugreifen und zu verfeinern.

Im Interesse geschichtsbewusster Philologie fördert das Programm Forschung in folgenden Bereichen: Genealogie und Wandlungen philologischer Praxis; der Ort der Philologie im System des Wissens (z. B. ihre Beziehung zu Wissenschaft, Theologie und Rechtswissenschaft); Philologie, Nation und Empire; Philologie, Übersetzung und Mobilität und schließlich Philologie und die Universität. Außerdem unterstützt Zukunftsphilologie kritische Neubewertungen historiografischer und philologischer Praxis. Bei der Neubetrachtung wichtiger »Philologiekriege« geht es nicht nur darum, den argumentativen Wert der betreffenden Debatte zu eruieren , sondern auch um eine Reflexion über den größeren kulturellen und politischen Kontext, in dem diese Auseinandersetzungen entstanden und darüber, wie sie unser Wissen von der Vergangenheit geprägt haben.

Eines der Dilemmas heutiger Philologie ist die Tatsache, dass sie in vielen Fällen immer noch den Interessen einer exklusivistischen politischen Agenda dient, die für eine globalisierte humanistische Universität ungeeignet ist. Dies zeigt sich von Zeit zu Zeit in den Arbeiten von Historikern, die angeblich fundierte philologische Methoden verwenden, um Exklusivität und kulturellen Unterschieden das Wort zu reden. Ein derartiger Zugang manifestiert sich beispielsweise in dem historischen Interesse am sogenannten »Niedergang« der nichtwestlichen Welt im Gegensatz zum Triumph westlicher Kultur, wie es Joseph Needham in Bezug auf China in seiner berühmten »Grand Question« formuliert hat (die sich auf die arabische und indische Welt erweitern lässt), und das eine Anzahl historischer Werke von im besten Falle fragwürdiger philologischer Grundlage hervorgebracht hat. In diesem Zusammenhang kommt der philologischen Methode – verstanden als sorgfältige und breit gefächerte Textlektüre – eine besondere Bedeutung als befreiende Kraft und als humanistisches Bestreben zu. Somit spielt die Verwendung philologischer Ansätze und Methoden eine wichtige Rolle dabei, die gewöhnlichen Historiografien von Wissenschaft, Religion und Gesellschaft zu revidieren und zu überdenken.

Das Programm Zukunftsphilologie organisiert Workshops, eine World Philologies Seminarreihe und internationale Sommer-/Winterschulen. Jedes Jahr werden historisch oder philologisch ausgebildete Postdoktoranden eingeladen, als Fellows innerhalb der Forschungsgruppe an ihren eigenen Forschungsprojekten zu arbeiten. Der Schwerpunkt liegt auf der Einladung von Wissenschaftlern außerhalb Berlins, insbesondere aus den Regionen, deren philologische Traditionen im Kontext des Programms erforscht werden. 

Zukunftsphilologie, ein Forschungsprogramm des Forums Transregionale Studien, entwickelte sich 2009 aus einer Initiative des Seminars für Arabistik der Freien Universität Berlin und ist seit 2010 an dieser assoziiert.